Mein Supervisionsverständnis
Als Coach begleite ich Menschen von A nach B, indem ich den Prozess mäeutisch dahingehend führe, dass sich der Klient in seinen Aufgaben und Herausforderungen reflektiert und neue Handlungsoptionen erkennt. Im Teamcoaching geschieht dasselbe mit einem ganzen Team. Als Supervisor (vom lateinischen „supervidere“, etwas aus einem Abstand heraus übersehen) hingegen bin ich stärker auf einer Metaebene und reflektiere mit dem Klienten, oder dem Team, das berufliche Verhalten (wie, warum und wozu wirkt jemand) und unterstütze diese in den fachlichen und psychosozialen Kompetenzen. Supervisionsprozesse dauern in der Regel länger als Coachingprozesse.
Unter „Supervision“ versteht der EASC (europäisch): „Der/die Supervisor:in begleitet den Supervisanden/die Supervisandin über längere Zeit mit dem Ziel, dessen/deren Arbeitsqualität zu reflektieren und die Entwicklung seiner/ihrer Persönlichkeit zu unterstützen. Dazu schafft er/sie einen Reflexionsraum im Hinblick auf das berufsbezogene Erleben des Supervisanden/der Supervisandin und bezieht die damit verbundenen Aspekte dessen/deren Persönlichkeit, Berufspraxis und Selbststeuerungskompetenz kontextuell mit ein. Dabei ist er/sie gut und klar im Kontakt und interveniert auf Basis der ethischen Richtlinien der EASC, eines pluralen Theorie- und Methodenansatzes und einer wohlwollenden Haltung situations- und bedarfsgerecht konfrontierend, schützend, fordernd, oder stützend.“
Der Unterschied von einem Team zu einer Gruppe besteht darin, dass in einem Team Menschen zusammen an einer Aufgabenbewältigung beteiligt sind, während die Teilnehmer einer Gruppe eventuell zwar aus demselben Arbeitshintergrund kommen, diese aber nicht direkt zusammenarbeiten. Im Gruppencoaching geht es demnach um die Entwicklung des Einzelnen, wo in der Gruppensupervision die Tätigkeit des Einzelnen, innerhalb der Gruppe, reflektiert wird. Die Stärke des Gruppencoachings, im Gegensatz zum Einzelcoaching, besteht darin, dass die Gruppenteilnehmer sich auch untereinander reflektieren und inspirieren.
Meine Zielgruppe besteht hauptsächlich aus Menschen des kirchlichen Umfeldes. Hierin habe ich als Pfarrer und Berater eine Feldkompetenz. Für eine erfolgreiche Supervision ist allerdings nicht die Feldkompetenz das Entscheidende, sondern die Felderfassungskompetenz. Es gilt, in einem für mich fremden Feld, die richtigen Punkte herauszukristallisieren. Es geht nicht nur um Fragen der Umsetzung, sondern insbesondere darum, was dem Klienten / der Gruppe wichtig ist. Gerade das Nichtkennen eines Feldes bewirkt ein breiter aufgestelltes Fragen, sodass die Lösung stärker im Gegenüber liegen kann. Andererseits mache ich Teamcoachings und Teamsupervisionen vor Ort in Kirchenvorständen oder Arbeitsteams, sowie Konfliktmediationen. Ähnliche Angebote stehen Mitarbeitenden von sozialen Organisationen zu Verfügung.
Aufbauend auf meinem Menschenbild und den dafür entsprechenden handlungsleitenden Theorien verfolge ich einige übergeordnete Beratungsziele. Da jeder Mensch einzigartig ist in seiner Vielfaltigkeit, soll diese Einzigartigkeit zur Entfaltung kommen. Der Mensch soll sich selbst mit seinen persönlichen Eigenheiten kennenlernen. Dadurch gewinnt er auch Verständnis für die Eigenheiten anderer. Dies bewirkt ein besseres Miteinander und ermöglicht eher ein Bewältigen von Konflikten. Wie die Individualpsychologie zeigt, hat der Mensch das Ziel der Zugehörigkeit. Er sucht die soziale Sicherheit (Adler). Er will ermutigt, wahrgenommen, gefragt sein und sich in seinen fünf sozialen Lebensaufgaben der Arbeit, Liebe, Gemeinschaft, Beziehung zum Kosmos und dem Umgang mit sich selbst entwickeln. Nach Adler kann ein Mensch durch seine schöpferische Kraft erschwerte Bedingungen kompensieren. Zuweilen sind die eigenen Ressourcen aber verschüttet, sodass es in der Beratung gilt, Blinde Flecken (Johari-Fenster) aufzudecken und zu ermutigen. Dadurch versteht der Klient das eigene Handeln besser, das auf den eigenen Gefühlen, dem Wertedenken, den Bedürfnissen und letztlich auf dem Lebensstilaufbaut. Es ist letztlich immer der Mensch selbst, der entscheidet, wie er auf Situationen reagiert und trägt die Verantwortung dafür. Solche Prozesse werden im Coaching begleitet und in der Supervision reflektiert.
Leitziel der Transaktionsanalyse ist die Autonomie des Menschen – allerdings Gott untergeordnet –, also das seelisch-geistige-geistliche Wachstum. Autonom ist, wer keine symbiotische Haltung einnimmt, wer Gesellschaftswerte nicht unbesehen übernimmt, wer sich von seinem Skript (gemäss Transaktionsanalyse) befreit hat (im Sinne, dass man gelernt hat, damit umzugehen), wer in seinem Erwachsenen-Ich spontan, ungetrübt urteilen, entscheiden und handeln kann, ohne durch Konventionen vorgeschriebene oder durch Abwehr verfälschte Gefühle hat, befreit von elterlichen Einflüssen und durch die Fähigkeit zu Intimität lebt. Ich orientiere mich an den vier folgenden Kompetenzen: Persönlichkeits-, Handlungs- (Aufgaben), Sozial- (Beziehungen) und der Systemkompetenz (in der Organisation).
Mein Menschenbild
Als Pfarrer ist mein Menschenbild von der Bibel her mitgeprägt. Ich gehe davon aus, dass das Leben von Gott kommt. Gott schuf den Menschen, indem er seinen Körper schuf und ihm dann den Odem des Lebens einblies (1Mose 2,7). Ein Mensch besteht somit aus einem äusseren, körperlichen und einem inneren Teil, der sein Wesen ausmacht. Die Bibel spricht nebst dem Leib auch vom Geist und der Seele des Menschen (1Thess 5,23), was beim inneren Menschen das Denken und Fühlen ausmacht. Um den Menschen noch genauer zu beschreiben, entwickelte Herman Dooyeweerd 1957 eine christliche Philosophie. Dabei beschrieb er den Menschen 16-teilig. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier in folgenden Punkten: Analytisch (Taktik); formativ (Historie, Technik, Kultur); lingual (Sprache); sozial (Gemeinschaft); ökonomisch (Wirtschaft); ästhetisch (Kunst); juristisch (Recht); ethisch(Handeln) und im pistischen Aspekt (Glaube an einen Gott). Diese Sicht des Menschen ermöglicht, die Einheit des Menschen in seiner Vielheit und Diversität zu sehen. Dabei beeinflussen sich die verschiedenen Aspekte. In der Beratungspraxis gilt es für mich, den ganzen Menschen in all seinen Aspekten zu sehen. Leidet ein Mensch zum Beispiel unter finanziellen Schulden, ist das nicht nur ein ökonomisches Problem. Auch andere Aspekte gilt es zu beleuchten.
In der Individualpsychologie wird diese Vielschichtigkeit als ein holistisches Menschenbild beschrieben (Adler). Dies bedeutet für mich, dass der Mensch eine Einheit ist, die aus unterschiedlich stark ausgeprägten Aspekten besteht. Darum respektiere ich in der Beratung das eigene Denken des Klienten, wie das im Konstruktivismus herausgearbeitet wurde. Da der Mensch nach meinem Verständnis „im Bild Gottes“ geschaffen wurde (1Mose 1,27), verleiht dies ihm seinen Wert. Dadurch sind wir alle gleichwertig, sodass wir uns immer auf Augenhöhe begegnen können und sollen. Ich bin gut genug! Ich bin ok und du bist ok (Ps 139,14)! Das bedeutet, dass der Mensch seine Würde behält, in dem, wie er glaubt, wie er gesehen würde mit den Wertvorstellungen anderer. Und wo wir uns selbst nicht immer als würdevoll sehen, darf unsere Würde wiederentdeckt werden.
Der Mensch blieb aber nicht im ursprünglichen Schöpfungszustand, sondern er erlitt Krankheit, Behinderung, Ausgestossen sein, Traumas und Scham (1Mose 3), sodass er sein Ziel, in Sicherheit und Frieden in der Gemeinschaft leben zu können (1Mose 2,18; 1Thess 5,11) nicht immer erreicht. Darum entwickelt der Mensch Bewältigungsstrategien wie Kampf (Rebellion), Vermeidung (Flucht in Scheinwelten), oder Erduldung (Fremdwerte annehmen). Die Psychologie kann diese inneren Prozesse aufgrund menschlicher Erfahrungswerte beschreiben, was dem Menschen hilft, sich selbst zu verstehen und Wege der Veränderung zu erkennen. Um sich zu entwickeln, braucht der Mensch Ermutigung und andere als Gegenüber (nach Martin Buber), durch die wir erst erkennen, was uns in unseren Eigenheiten ausmacht, sodass wir bewusst – für uns – negative Denk- und Handlungsmuster abbauen und neue, positive aufbauen können. Die Bibel gibt uns den Auftrag, unsere „Sinne zu erneuern“ (Röm 12,2), was heute neuronal verständlich gemacht werden kann.
Mit Blick auf die Tätigkeit als Supervisor schliesse ich mich den Ethikrichtlinien des EASC an. Ich gehe davon aus, dass der Mensch in der Lage ist, absichtsvoll zu handeln. Er verfügt über prinzipielle Wahlfreiheit und ist für sich selbst verantwortlich. Ich möchte mithelfen, dass dessen Potential zur Entfaltung kommt und zu hohe Hürden des Lebens abgebaut werden können. Dazu versuche ich Vertrauen zum Klienten aufzubauen. Ein Kontrakt hilft, einen klaren und geschützten Rahmen herzustellen. Ich begegne dem Klienten mit Respekt und lasse gegenseitig keine Abhängigkeiten oder Übergriffe zu. Insbesondere verpflichte ich mich auf Verschwiegenheit der Gesprächsinhalte, sowie dem Datenschutz. Das bedeutet, dass ich darauf achte, dass keine Daten zu Drittpersonen gelangen. Ich erzähle niemandem, wer bei mir war und gebe keine Inhalte weiter. Die Unterlagen stehen Passwort gesichert unter Verschluss.
